Leitlinien: Was sie für den Patienten bedeuten

Leitlinien sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. So definiert die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften) Leitlinien.

Bei Therapieleitlinien spielen also mehrere Dinge eine Rollle:
Systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte 
Die Entwicklung von Therapieleitlinien sind immer auch ein Kampf der unterschiedlichen Standpunkte, Meinungen und Interessen. Deshalb kommt dem Weg, wie die Leitlinien erstellt werden, eine besondere Bedeutung zu. Es soll sicher gestellt werden, dass alle medizinisch- wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Leitlinie einfließen und sich nicht nur eine Richtung durchsetzt. Deshalb wurden genau strukturierte Verfahren und Abstimmungsprozesse eingeführt, die die Teilnahme aller wichtigen Gruppen am Entstehungsprozess gewährleisten.

Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und in der Praxis bewährte Verfahren
Beides sind heikle Punkte, weil der Streit um gesicherte medizinisch-wissenschaftliche Erkenntnisse und bewährte Verfahren innerhalb der Ärzteschaft, zwischen Organisationen, Kassen und Gesundheitspolitik offen und versteckt ausgetragen wird. Dabei geht es um die Aussagekraft wissenschaftlicher Studien, die Erfahrung langjähriger ärztlicher Tätigkeit und die Einführung neuer medizinischer Verfahren auf der einen Seite. Auf der anderen aber auch um handfeste wirtschaftliche Interessen, den Einfluß von Interessensgruppen und die Wahrung der ärztlichen Therapiefreiheit.
Die Frage, was denn nun gesicherte Erkenntnis ist und was noch nicht, wird von Vielen völlig unterschiedlich beantwortet. Gerade bei Brustkrebs wird sehr häufig bemängelt, dass die in internationalen Leitlinien bereits veröffentlichten Früherkennungs- und Therapiemaßnahmen in der Bundesrepublik viel zu langsam, viel zu spät und viel zu zögerlich umgesetzt werden. Viele fodern inzwischen, international anerkannte Standards der Brustkrebs-Behandlung unverzüglich auch in Deutschland einzuführen.
Bei bewährten Verfahren fehlt oft der wissenschaftliche Nachweis. Ob sie deswegen schlechter sind, wird oft verneint. Das trifft auch auf alternative Heilmethoden und dem Einsatz pflanzlicher Mittel zu, deren Wirksamkeit zwar vielfach nicht durch Studien abgesichert ist, auf die aber Patienten und auch Ärzte dennoch schwören.

Sicherheit in der Medizin
Therapieleitlinien sollen für eine erhöhte Sicherheit und eine verbesserte Qualität in der medizinischen Betreuung sorgen. Sicherheit für den Patienten, dass er gemäß den neuesten medizinischen Erkenntnissen behandelt wird. Aber auch, dass er die beste verfügbare Qualität in Diagnose, Therapie und Versorgung erhält.
In diesem Zusammenhang könnten Therapieleitlinien auch dem Arzt Sicherheit bringen, weil bei einer Behandlung nach den Leitlinien die Haftungsfrage für ihn eigentlich leicht zu lösen sein dürfte. Allerdings wehren sich viele Ärzte gegen Leitlinien, weil sie sich dadurch in ihrer Therapiefreiheit eingeengt sehen. Auch stehen sie den mit Leitlinien verbundenen Qualitätskontrollen sehr skeptisch gegenüber. Die Argumentation lautet - sehr vereinfacht: Jeder Mensch ist so verschieden, dass man eine Behandlung nicht reglementieren kann, sondern sie muß individuell für jeden Patienten erfolgen. Und wie soll Qualität gemessen werden, wenn doch jede Therapie so individuell ist.

Ökonomische Aspekte
Gegner von Leitlinien monieren, dass derartige Behandlungsvorschriften nur dem Zweck dienen, Kosten einzusparen. Aus diesem Grund würde in Leitlinien nicht die beste sondern nur die kostengünstigste Behandlungsmethode berücksichtigt werden. Das aber könne nicht im Sinne der Patienten sein, weil sie nicht mehr optimal versorgt würden.
Vor allem Gesundheitspolitiker und Befürworter von Leitlinien sagen dazu: "Unsinn." Aber Einsparungen von Kosten sind ein erklärtes Ziel von Leitlinien. Allerdings soll das nicht durch eine schlechtere Medizin, sondern durch effektiveres und rationelleres Umgehen mit den vorhandenen Möglichkeiten erfolgen. Einer der wichtigsten Ansatzpunkte dazu ist die Verordnung von Medikamenten, was bedeutet, preisgünstigere Produkte zu verschreiben. Aber auch, durch bessere Information Fehlverordnungen zu vermeiden.

Rechtliche Bindung
Bisher haben Therapieleitlinien keinerlei bindenden Charakter für den Arzt. Er kann, muß sich aber nicht an die Handlungsanleitungen halten. Allerdings ist diese Situation nicht unumstritten. Auch verschiedene Ärzte geben inzwischen zu bedenken, dass es bei manchen Erkrankungen fast fahrlässig ist, sich nicht an die Leitlinien zu halten.

Eine Enschätzung von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt: "Bei der Entwicklung von strukturierten Behandlungsleitlinien für chronisch Kranke ist deutlich geworden, dass wir nicht genügend evidenzbasierte Leitlinien haben. Das heißt: Die Medizin stützt sich noch zu wenig auf objektive, gesicherte Nachweise. Die Leitlinien, die auch Hinweise zur Medikation enthalten, werden die Ärzte bei einem rationalen, qualitätsgesicherten Verordnungsverhalten unterstützen."


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