Mittwoch, 29. März 2017

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Sinnfindung im Monat nach der Operation: Mehr Wohlbefinden und Lebensqualität ein halbes Jahr später

 

Sinnfindung: Wie Tumorpatienten/innen ihre Situation meistern

Wie werden Krebspatientinnen und -patienten mit ihrer Krankheit fertig? Wie schaffen es manche, sich damit besser zu arrangieren als andere? Ein junger Wissenschaftler hat das Phänomen untersucht.

Trotz medizinischen Fortschritts stellt eine Tumordiagnose und die Behandlung der Krankheit nach wie vor eine außergewöhnlich starke Belastung dar. Sie ist eine existentielle Bedrohung für die Lebensperspektive der Betroffenen. Dennoch gelingt es vielen Patienten, sich mit der Krankheit und deren Folgen zu arrangieren und ihr sogar eine gute Seite abzugewinnen. So berichten Betroffene häufig über positive Veränderungen in der Einstellung zum Leben und in dem Zusammenleben mit Menschen.

Dieser Prozess wird als Sinnfindung bezeichnet. Dr. Steffen Taubert aus der Abteilung für Gesundheitspsychologie an der Freien Universität Berlin untersuchte dieses Phänomen in seiner Dissertation. Taubert ging der Fragestellung nach, wie sich der Sinnfindungsprozess bei Tumorpatienten auf das subjektive Wohlbefinden und die empfundene Lebensqualität auswirkt. Er fand heraus, dass Patienten mit einem Zuwachs von Sinnfindung innerhalb eines Monats nach der Tumoroperation ein halbes Jahr später besseres gesundheitliches und emotionales Wohlbefinden angeben, als Patienten ohne einen solchen Anstieg. Jüngere Patienten wiesen zwar generell einen stärkeren Sinnfindungsprozess auf als ältere, bei älteren Patienten wirkte er sich dafür aber stärker auf das Wohlbefinden der Patienten aus.

In der Studie wurden 84 Patienten befragt, die sich einer Tumoroperation an einem Verdauungsorgan oder an der Lunge unterzogen hatten. Die 32 Frauen und 52 Männer waren zwischen 34 und 86 Jahren alt. Um altersabhängige Unterschiede feststellen zu können, wurden die Personen in drei Gruppen unterteilt: 27 bis 58 Jahre, 59 bis 67 Jahre und 68 bis 86 Jahre. Insgesamt wurden die Patienten vier Mal mit Hilfe eines Fragebogens untersucht. Der erste Messzeitpunkt lag etwa drei Tage vor der Tumoroperation und die weiteren jeweils eine Woche, einen Monat und sechs Monate danach. Um die Ausprägung und die Veränderung von Sinnfindung feststellen zu können, wurde eine vierstufige, sieben Fragen umfassende Messskala entwickelt.

Entscheidend für den emotionsregulierenden Einfluss von Sinnfindung ist nicht der Grad ihrer Ausprägung, sondern die Stärke der Veränderung im Genesungsprozess. Steigt die Sinnfindung im Monat nach der Operation an, lässt sich allgemein ein Zusammenhang mit Wohlbefinden und Lebensqualität ein halbes Jahr später feststellen. Solche Patienten empfinden trotz der Krankheit eine relativ hohe Lebensqualität.

Die Schwere der Erkrankung beeinflusst ebenfalls den Sinnfindungsprozess: Je schwerwiegender die Krankheit war, desto länger dauerte der Sinnfindungsprozess an. Bei Patienten mit günstiger Prognose fand im Allgemeinen eine Steigerung von Sinnfindung innerhalb des ersten Monats nach der Operation statt, bei Patienten mit ungünstiger Prognose fand ein Anstieg erst zwischen dem ersten und dem sechsten Monat statt.

Ältere Patienten hatten über ein halbes Jahr hinweg gleich bleibend hohe Werte für Sinnfindung, in der jüngsten Altersgruppe war dagegen ein starker Anstieg zu vermerken. Dennoch profitierten ältere Patienten stärker von einem Sinnfindungszuwachs. Ihr Wohlbefinden war stärker von dem Sinnfindungsprozess beeinflusst als das der jüngeren Patienten.

Wie lässt sich das erklären? Offenbar müssen jüngere Menschen Sinnfindung als eine angemessene Form der Krankheitsverarbeitung erst erlernen. Ältere Menschen haben gewöhnlich eine größere Erfahrung im Umgang mit gesundheitlichen Lebenskrisen. Die normative Lebensperspektive jüngerer Menschen ist zudem stärker bedroht. Die berufliche und familiäre Rollenfunktion jüngerer Menschen ist stärker von der körperlichen Leistungsfähigkeit abhängt als bei älteren. Die Fähigkeit von Tumorpatienten Teilaspekte der Krankheitserfahrung auch positiv zu interpretieren hilft ihnen offenbar, mit der außerordentlichen Belastung fertig zu werden, und schützt sie vor Traurigkeit und Verzweiflung.

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