Montag, 19. November 2018

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Foto: obs/Novartis
Experten sagen, dass durch eine Hormontherapie kein Brustkrebs entsteht, sondern ein bestehender in seiner Entwicklung beschleunigt wird (Foto: obs/Novartis)

 

Hormontherapie gegen Wechseljahresbeschwerden: Individualisierter Einsatz

Die Hormontherapie (HT) gegen Wechseljahresbeschwerden ist heftig umstritten: Ist das Risiko höher als der Nutzen? Studien belegen, dass sich durch eine HT das Risiko für verschiedene Erkrankungen – insbesondere Brustkrebs – erhöht. Viele Ärzte/Ärztinnen haben das ignoriert. Jetzt soll eine neue „Stufe-3 (S3)-Leitlinie“ Medizinern wie Patientinnen  Hilfestellung zum Einsatz einer HT geben. Ein Fortschritt der Leitlinie: Die Behandlung wird individualisiert auf das Leidens- und Risikoprofil der betreffenden Frau abgestimmt.

Frauen in den Wechseljahren suchen häufig ärztliche Beratung, um sich über eine Hormontherapie (HT – früher wurde dazu Hormonersatztherapie gesagt) mit Östrogenen - gegebenenfalls auch in Kombination mit Gelbkörperhormonen - zu informieren. Die Behandlung soll Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen oder Schweißausbrüche lindern und dadurch die Lebensqualität verbessern. Allerdings: Die Sorge vor den Nebenwirkungen ist stark gewachsen, seit dem Studien veröffentlicht wurden, die ein HT mit einem gesteigerten Risiko einer Brustkrebs in Zusammenhang stellen.

Die "Women`s Health Initiative (WHI)" – eine Studie zum Langzeit-Einsatz von Hormonpräparaten in den Wechseljahren – hatte festgestellt, dass nach einer fünfjährigen Einnahmen von Hormonen das Brustkrebsrisiko der betroffenen Frauen erhöht war. In einem Stellungnahme des Berufsverbandes der Frauenärzte wurde im Jahr 2002 der Einsatz der Hormone dennoch vehement verteidigt und die Ergebnisse der Studie in Frage gestellt. Prof. Valerie Beral, Cancer Research UK, dem englischen Krebsforschungszentrum in Oxford, veröffentlichte  2003 eine Studie, die den Zusammenhang zwischen der längeren Dauer einer HT und dem steigenden Risiko für eine Brustkrebserkrankung aufdeckte.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) legte dann die erste Behandlungsleitlinie zu Hormonersatztherapie (HRT) vor. Demnach sollte nur noch nach einem Stufenplan und bei gesicherter Indikation unter individueller Abwägung der Risiken behandelt werden. Zum ersten Mal wurde auch gefordert, dass Frauen besser über Risiken einer Hormonersatztherapie informiert werden müssten. Im Jahr 2004 wurden im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) die Empfehlungen zur Anwendung der HT aktualisiert. Grundsätzlich hat sich darin die Einstellung zur „hohen Wirksamkeit der HT bei Wechseljahrsbeschwerden wie Schweißausbrüchen, Hitzewallungen oder Urogenitalatrophie“ nicht geändert. Sie habe auch eine vorbeugende Wirkung auf die Osteoporose. Zumindest erkennen die Experten aber an, dass die Einnahme von Hormonen hat auch Risiken birgt und empfehlen, dass HAT nur „bei vorhandener Indikation, z. B. bei starken Wechseljahrsbeschwerden zur Anwendung kommen. Sie sollte aber nur so lange wie erforderlich eingesetzt - und regelmäßig überprüft werden."

Die DGGG stellt denn auch fest, dass die Bewertung von Nutzen und Risiken der HT seit vielen Jahren kontrovers diskutiert wird. „Um ein differenziertes ärztliches Beratungsgespräch führen zu können, sind hochwertige evidenzbasierte Leitlinien dringend erforderlich", erklärt Prof. Dr. Olaf Ortmann, Direktor der Universitätsfrauenklinik Regensburg, den Hilfebedarf für den Entscheidungsprozeß der Ärzte und den Nutzen der Leitlinie. Er beklagt, dass eine solche bisher nicht und auch international nur vereinzelt vorhanden sei. Und das, obwohl die HT eine der am häufigsten durchgeführten Arzneimitteltherapien sei.

Jetzt liegt die S3-Leitlinie vor. Die Erarbeitung hat lange gedauert. „Die HT hat zweifelsfrei eine Reihe von Nutzen", begründet DGGG-Präsident Prof. Dr. Rolf Kreienberg, Ärztlicher Direktor der Universitätsfrauenklinik Ulm, erneut den Einsatz der Hormone . „Dennoch muss ihr Einsatz gründlich abgewogen werden, da die HT gesundheitliche Risiken bergen kann."

Das ist vorsichtig ausgedrückt. Belegt aber deutlich den Kampf zweiter Lager innerhalb der Frauenärzte. Die einen, die eine HT grundsätzlich befürworten und immer noch keinen Grund sehen, Hormone nicht zu verschreiben. Und den anderen, die Hormone nur noch in Einzelfällen einsetzen wollen.

Die neue Leitlinie geht nur differenzierter zu Werk. Sie orientiert den Einsatz einer HT an möglichen Beschwerden und Risiken wie klimakterische Beschwerden, Trockenheit der Vagina (vulvovaginale Atrophie), Harninkontinenz, koronare Herzkrankheit, venöse Thromboembolie, Bewegungsapparat und Knochenstoffwechsel, Demenz oder Krebserkrankungen. Anhand dieses Leidens- und Risikoprofils sollen Ärztinnen und Ärzte dann entscheiden, ob und wie lange eine Therapie erfolgen kann.

Da Nutzen und Risiken unterschiedlich ausgeprägt sein können, ist die Therapie bei jeder Frau auch anders. Dieses Individualkonzept verlangt vom Arzt/Ärztin mehr Beratung der Patientin. So betont Ortmann, dass beispielsweise Frauen mit bereits bestehenden Erkrankungen ganz anders beraten werden müssten als Gesunde. „Auf der Basis dieser Leitlinie ist eine individualisierte, umfassende Aufklärung möglich, sodass die Patientin gemeinsam mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt zu einer Entscheidung kommen kann", fordert Ortmann. Hoffentlich halten sich die Mediziner daran.

WANC 08.09.09/ Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG)


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